29 Juni 2006

Hitman - Blood Money

Diese eine Spieleserie, zu der man eine moralische Diskussion quasi frei Haus mitgeliefert bekommt, ist um seine vierte Inkarnation bereichert worden. Io Interactives "Hitman - Blood Money" hat vor über drei Wochen das Licht der Kaufhausregale erblicken dürfen.

Das Spiel habe ich jetzt schon seit einigen Tagen durch, aber nicht alleine wegen der Fußball-WM habe ich für mein Posting einige Zeit benötigt. Ich habe mich damit herumgeschlagen, ob ich besagte Diskussion schlicht ignoriere (um mich auf das Spiel zu konzentrieren, es mir andererseits aber einfach mache) oder doch meine Meinung abgebe (und vom Eigentlichen - dem Gameplay - abschweife).

And the winner is: the goldene Mittelweg. Oder sowas ähnliches. Ich versuchs zumindest mal damit, wohlwissend, das Thema nicht allzuweit auszuloten (wie zum Beispiel bei den Kollegen von antigames. Respekt dafür). Das will ich aber auch nicht. Denn "Hitman" ist ein Spiel - und ein Spiel, an das ich verkopft rangehe, macht mir vor allem eines: keinen Spaß. Ohne Spaß finde ich keine Zerstreuung. Die suche ich nämlich mit Computerspielen. Und ich bin mir absolut bewusst, mit diesen Sätzen wunderbare Angriffsflächen zu bieten.

"Hitman" ist nun also ein Spiel. Ein Spiel, in welchem man den (scheinbar) allmächtigen Eindringling steuert. Den Kontrollierenden, der jederzeit überraschend zuschlagen kann. Ballern und Töten kann man in vielen Computerspielen. "Hitman" erreicht eine besondere Brisanz durch die Abbildung des scheinbar Alltäglichen und die Konzentration auf den einzelnen Mord. Genau das sind auch die Zutaten zu dieser starken Faszination, die die Reihe seit jeher auf mich ausübt. Die Konsequenz, mit der (Mord)taten dargestellt werden, mit der alltägliche Gegenstände zweckentfremdet werden (und der eigene Blick sich diesem Muster anpasst), ist bemerkenswert. "Hitman" ist ein Killerspiel. Und es ist gleichzeitig kein Killerspiel. Mit schlichter Genialität verwischt das Leveldesign den wahren Kern von "Hitmans" Gameplay: diese morbide Mischung aus Logikrätsel und Adventure. Das Gemisch ist beleibe nicht immer perfekt, bringt manchmal einen Tick zuviele Opfer um des zu leichten und unnötigen Mordens willen. Aber es ist - in "Leons" Namen - nur ein near miss.

Nun ist das aber auch wieder zu einfach: "Hitman" ausschließlich als Knobelspiel zu verkaufen ist ein ähnlich hilfloses Alibi, wie in "Dawn of the Dead" Gesellschaftskritik finden zu wollen. Ich liebe den Film, weil er ein (für damalige Mittel) kompromißloser Zombie-Thriller ist. Und weil er sich viel Zeit nimmt für einen dichten Handlungstrang komplett ohne Zombies. Aber einen intellektuellen Inhalt schieben doch nur diejenigen vor, die sich nicht trauen zuzugeben, auf diesen Mist zu stehen. Außerdem: wenn "Hitman" ein Logikrätsel ist, dann ist jedes "Quake" ein Hand-Auge-Koordinationstest...

Warum diese Rechtfertigung?

Für mich gilt: ja, ich habe verdammt viel Spaß dabei, einen Auftragsmörder zu spielen. Die Zielperson zu beobachten. Die Gegend auszukundschaften. Das Verhalten des Wachpersonals zu studieren. Den saubersten Weg durch den Level auszubaldowern (auszuknobeln?). Und dann zuzuschlagen. Ohne Spuren zu hinterlassen. Oder Unschuldigen Schaden zuzufügen. Beobachtungsgabe, Ruhe und Präzision sind das A und O. Bei einem Überfluss an rauschenden, blinkenden, schnellen Actiontiteln ist das eine verdammt erfrischende Angelegenheit - auch in der vierten Wiederholung. Aber ich stehe auch auf diesen unglaublich spannenden und zeitlich bis ins unendliche gedehnten Augenblick, diese Sekunde, bevor der eigentliche Anschlag durchgeführt wird. Dieses Gefühl in der Magengegend, das da sagt "jetzt gilts" und sich allmählich in den entscheidenden Impuls an den rechten Zeigefinger verwandelt. DAS, meine lieben Spieleentwickler, nenne ich verdammt nochmal Atmosphäre!

Ich genieße das. Das macht mir Spaß.

Aber "Hitman" ist eben nicht entweder Tabubruch oder Gehirnschmalz. Sondern beides. Und diese Ambivalenz verstärkt den guten Gesamteindruck noch.

Letzten Endes entfaltet dieser Titel sein volles Potential erst, wenn der Spieler auf der Suche nach der "lass es wie einen Unfall aussehen"-Gelegenheit ist. Oder zumindest: nicht zuviele Spuren hinterlassen will. "Silent Assassin" als Abschlusswertung klingt ja auch gut.

Der Hersteller selbst mach einem diese Aussage allerdings verdammt schwer. In diesem Fall ist das aber kein Zeichen von Intelligenz, Facettenreichtum oder so. Ganz im Gegenteil, leider. Was - in Dreiteufelsnamen - hat IO Interactive geritten, als sie diesem Spiel Shotgun, M4 und Maschinenpistolen hinzugefügt haben?! Es ist ganz klar: herumzulaufen und alles umzunieten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, macht hier überhaupt keinen Spaß, ist der Inbegriff der Sinnlosigkeit. "Passend" dazu kann ich all diese durchschlagsstarken custom-Waffen auch noch mit allerlei Schnickschnack (Laservisier, größere Magazine, Magnum-Ammo) modifizieren. Wirklich nützlich ist allerdings nur eine einzelne, schallgedämpfte Automatik mit leiser Munition... Nicht umsonst besteht der größte Designfehler darin, bei der Enttarnung des Glatzkopfes im Prinzip nur die Wahl zu haben zwischen einem Blutbad und dem Laden des letzten Spielstands. Die Mission ist gescheitert. Wieso habe ich überhaupt noch die Möglichkeit, zu schießen?

Bei aller Konsequenz, die der Titel mit sich bringt - den letzten Schritt weg von einer wie auch immer gearteten Moral hat sich der Hersteller nicht getraut. Die finale Grenzüberschreitung findet eigentlich nicht statt. Denn: alle Aufträge beziehen sich ausschließlich auf Unsympathen wie Mafiabosse, Waffen- und Drogenhändler, verkappte Putschisten und Kinderpornoringbetreiber. Der Hit-Mann kriegt Geld für seine Taten, es kann ihm egal sein, wen er umbringt. Aber letzten Endes steht der Auftragsmörder, Gewalttäter, Hausfriedens- und Einbrecher auf der Seite des "Guten". Zwar diffus nur, aber er tut das "Richtige". Ursprünglich auf das gute Gewissen der Spieler (respektive: ein gutes Image des Spiels) abzielend, schwirrt mir irgendwo im Hinterkopf dabei nur das Wort "Selbstjustiz" herum. Damit habe ich in diesem Fall mal kein Problem, es wird nichts verherrlicht. Im Endeffekt finde ich es aber ein bißchen lächerlich.

Aber nicht lächerlich genug, um das tolle Leveldesign, den nicht besonders umfangreichen, aber starken Soundtrack und die dichte Atmosphäre (New Orleans! Die Südstaaten-Hochzeit! Der Raddampfer! Das Hotel!) ignorieren zu können. Nur beim Geschichten-Erzähl-Kurs müssen die Storyschreiber von IO nochmal nachsitzen - die ist nämlich nicht nur blöd, sondern auch noch schwer nachzuvollziehen.

Unterm Strich aber kann ich von "Hitman - Blood Money" nun wirklich nicht behaupten, enttäuscht worden zu sein. Ganz im Gegenteil.


[+/-] show/hide

1 Comments:

Anonymous suicide said...

Hitman ist einfach ein klasse Spiel. Nicht das es deshalb so gut, dass man immer am Ende jemanden töten muss. Es ist deshalb so gut, weil die ganze Atmosphäre, die Versuche, der Ablauf, etc. stimmt. Es ist einfach herrlich sich als Nr. 47 zu bewegen.
Ich habe es gestern beendet und bin hell auf begeistert. Aber ich bin so verwirrt. Sooo verwirrt. Ich brauch unbedingt diese Klaviersaite. Schließlich bin ich jetzt ein Killer. Ich weiß wie es geht. HALTET MICH AUF, bevor ich Quake anfange zu spielen!

6/29/2006 6:20 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen

<< Home